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"Bauwende - Warum und was bedeutet das?" - Bericht vom Workshop in Greifswald am 23.11.2023

Wird ausgerechnet im Bauwesen falsch gemessen? – Zu diesem Ergebnis müsste man nach dem Besuch des Themennachmittags „Bauwende – Warum und was bedeutet das?“ am 23.11.2023 in Greifswald gekommen sein.

Dabei geht es nicht um schief montierte Türen, sondern eine grundlegend irreführende Berechnung der Klimabilanz von Baustoffen in Deutschland. Unter dem Schlagwort „Schönrechnerei“ zeigte Klaus Dosch, geschäftsführender Gesellschafter ResScore GmbH und Mitglied der Ressourcenkommission des Umweltbundesamts, auf, dass die einschlägig bekannten Nachhaltigkeitsbewertungssysteme komplex, langwierig und teuer sind und eher eine umfassende Gebäudequalität im Blick haben als Klima- und Ressourcenschutz.

Dosch kritisiert zudem eine zwangsweise Berücksichtigung der Umweltaspekte des Abrisses eines Gebäudes, auch wenn dieser – wenn überhaupt – erst in ferner Zukunft liegt und daher mit ganz anderen heute noch unbekannten Technologien stattfindet. Dadurch würden insbesondere biogene Baumaterialien benachteiligt.
Wirklich wichtig wäre der Fokus auf die drei Schlüsselindikatoren:**

  • Treibhausgase (d.h. Klimawandel),

  • fossile Primärenergie (d.h. Energiewende)

  • Rohstoffe (d.h. Rohstoffwende)
    OHNE rechnerische Gutschriften.
    Und so, wie sich der inzwischen gut lesbare Nutri-Score für Lebensmittel etabliert hat, wird ein entsprechendes Score-System für Gebäude benötigt!

Der Architekt und Brandschutzexperte Andreas Flock vom Strahlwerk aus Stralsund plädierte für ein zirkuläres Bauen: Das Material, das bereits vorhanden ist, wird umgestaltet, erhalten, repariert und geteilt. Wenn das nicht ausreicht, wird mit nachwachsenden Materialien ergänzt. Das funktioniert, setzt aber eine grundsätzliche Haltungsänderung in der Gesellschaft voraus.

Bei Bauhaus Erde geht es um das Experimentieren mit regenerativen Baumaterialien und Prototypen sowie die wissenschaftliche Arbeit rund um das ökologische Bauen, wie die Architektin Eva-Maria Friedel aufzeigte. Das Bauhaus Erde sieht sich mit seinem Thinktank und Lab an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis. Ein Ergebnis aus dem Thinktank ist die Kollektion „Bauen für die Zukunft“ ("Building for the Future“), in der die wichtigsten Hebel der Bauwende erläutert werden: Die Transformation des Gebäudebestands (Anstelle von Abriss und Neubau), das zirkuläre Bauen, das Bauen mit regenerativen Materialien wie Holz, Stroh und Lehm, übergeordnete Quartierskonzepte sowie multifunktionale und kompakte Bauweisen. Nur wenn alle Hebel gleichzeitig umgelegt werden, wird die Bauwende gelingen.

Christoph Meyn, Präsident der Architektenkammer MV und Mitglied im Vorstand der Bundesarchitektenkammer, berichtete von Diskussionen um die Einführung eines neuen Gebäudetypus E (für „experimentell“), bei der eine sorgfältige, gemeinsame Festlegung zwischen Planern und Bauherr zu frei vereinbarenden Zielen und Qualitäten erfolgt und es ermöglicht, mit einem reduzierten Regelwerk zu arbeiten und Standards, Materialien und Ausführungsdetails aufeinander anzupassen, sodass sinnvolle und nachhaltige Gebäude zu bezahlbaren Kosten entstehen.

Als ebenso wichtig wurde die Vernetzung und die Eigeninitiative aller am Bauwesen beteiligten Akteure herausgestellt, wie es z.B. über die Allianz für nachhaltiges Bauen in MV befördert wird.
Wir bedanken uns bei den Rednerinnen und Rednern für die eindrücklichen, gleichzeitig beängstigenden wie auch Mut machenden Beiträgen zum Themennachmittag „Bauwende – Warum und was bedeutet das?“ am 23.11.2023 im Z4 in Greifswald.

+++ Nächste Veranstaltung im Rahmen der Bauausstellung: 30.11.2023 17:00 bis 19:00 Uhr „Bioökonomie und ökologische Baumaterialien“ – Aktuelle Forschung und Trends zu ökologischen Baustoffen: Materialien wiederentdecken, neu entwickeln, weiterdenken, u.a. mit Prof. Dr. Ulrich Schurr (Forschungszentrum Jülich), Erik Bossong (GROPYUS AG) und mehreren Baumaterialherstellern der Region

+++ Wann kann man sich die Bauausstellung anschauen? Mittwoch bis Freitag: 12 bis 18 Uhr & Samstag: 10 bis 15 Uhr

+++ Ort: Z4 / Zentrum für Life Science und Plasmatechnologie, Walther-Rathenau-Str. 49b, 17489 Greifswald

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